Archiv für April 2014

und los gehts! hui!

herzlich willkommen beim ersten laDIYfest in kiel.

wie war das noch mal als wir – vier freundinnen – anfingen das laDIYfest in kiel zu planen?

vier freundinnen, vier frauen, aber vor allem vier menschen. die eine unterschiedlicher als die andere. alles andere als eine homogene gruppe.

vier menschen, die einfach lust hatten etwas auf die beine zu stellen – zu intervenieren gegen die diskriminierenden strukturen, die uns tagtäglich umgeben:
„rape culture“, „lookism“ und sexistische kackscheiße sind immer noch fester Bestandteil unseres Alltags;
alternative lebens- und liebesformen werden immer noch institutionell benachteiligt und obendrein, wie beispielsweise in bademwürttemberg, aggressiv bekämpft;
jede*r vierte in deutschland lebende Mensch vertritt immer noch offenkundig es wäre ekelhaft, wenn homosexuelle sich in der öffentlichkeit küssen*;
und die herrschenden verhältnisse kategorisieren menschen noch immer aufgrund von zugeschriebenen merkmalen wie race, geschlecht, alter, klasse und körper.
das sind nur einige gründe, warum wir dieses laDIYfest veranstalten. weil wir ein verdammtes problem mit der herabwürdigung von menschen haben und gegen menschenfeindliche ressentiments laut ankämpfen wollen.
ja wir haben uns viel vorgenommen und wir sind bei den vorbereitungen auch an unsere grenzen gestoßen. mussten differenzieren und immer wieder diskutieren was wir können und was wir nicht können. was wir sind und was wir nicht sind. was wir leisten und was wir nicht leisten können.
entstanden ist innerhalb dieses lernprozesses – der nicht immer einfach war und ja wir haben auch viel diskutiert und gestritten – dieses laDIYfest. mit dem programm haben wir inhaltliche schwerpunkte gesetzt und damit einen weg gefunden, die themen, die uns wichtig waren zu integrieren und umzusetzen. haben damit versucht einen raum zu kreieren, innerhalb dessen wir uns frei und sicher entfalten können, innerhalb dessen platz für diskussionen und austausch ist, einen raum in dem wir gemeinsam von- und miteinander lernen können.
wir sind gegen dogmatismus und gegen festgefahrene und exklusive denkmuster. wir möchten einen kreativen raum für menschen, mit unterschiedlichen talenten und unterschiedlichem wissen schaffen. uns ist wichtig, dass wir uns dieses wochenende vor allem genau zuhören, und gegenseitig respektieren, offen sind für nachfragen und bereitschaft zeigen unsere positionen zu erklären und zu erläutern. wir bitten um euer verständnis, dass hier nicht alle schon alles wissen.
mit unserem laDIYfest reihen wir uns ein in die tradition der laDIYfeste, die aus der riot-grrrl bewegung in den usa entstanden sind und die seit dem Jahr 2000 überall auf der ganzen welt stattfinden. es gibt für laDIYfeste keine festen formate und sie sind keine schablonen vergangener organisationen. ganz im gegenteil, sie sind immer anders, mit neuen impulsen und ideen, anderen akzenten und prioritäten. aber sie kämpfen immer gegen hegemoniale männlichkeit und die vorherrschenden machtverhältnisse. unser anspruch war und ist es einen feministisch geprägten rahmen zu schaffen, in dem mensch sein kann wer er*sie*es sein will.
die letzten vier monate waren oft auch stressig, aber vor allem waren die letzten vier monate von sehr viel rückhalt, unterstützung und solidarität unserer freund*innen, supporter*innen, referent*innen und teilnehmer*innen geprägt. wir hatten viele interessante gespräche und auseinandersetzungen in der letzten zeit und ohne eure kritik aber vor allem euren zuspruch ständen wir heute nicht hier. dafür möchten wir uns bei euch bedanken.
wir machen das, weil wir etwas bewegen möchten, nicht nur innerhalb dieser gesellschaft, sondern vor allem in uns selber. wir möchten sensibilisieren, für die alltäglichen diskriminierungsformen, die uns umgeben, kraft sammeln und mut schöpfen, zu intervenieren, gegen jene, gedanken und ideen zusammen führen, um dort zu kämpfen, wo uns diskriminierende haltungen und handlungen entgegen treten.
um aber das konstrukt der ‚gesellschaft’ angreifen zu können, müssen wir zu allererst bei uns selbst ansetzen: unser handeln beobachten, reflektieren und uns immer wieder kritisch von außen betrachten. hoffentlich gehen wir auf diesem weg ein stück gemeinsam an diesem wochenende.
„dekonstruieren heißt nicht verneinen oder abtun“, sagt judith butler, „dekonstruieren heißt in Frage stellen […]“
das wollen wir dieses wochenende gemeinsam tun: strukturen hinterfragen, stereotype zerlegen und menschenfeindliche ressentiments bekämpfen.
natürlich haben wir dabei keinen anspruch auf allwissenheit.
die einsicht, dass auch an diesem wochenende lücken offen bleiben werden, die wir nicht in der lage sind zu schließen, zeigt vor allen dingen eines: dieses laDIYfest ist vor allem „die fotografie eines moments, innerhalb eines sich permanent erneuernden konfliktes.“
und deswegen ist das erste kieler laDIYfest erst der auftakt eines langen weges, der noch vor uns liegt.
und wir hören nicht auf am ende dieses wochenendes, nein, wir fangen gerade erst an.
wir wünschen uns allen ein großartiges erstes laDIYfest in kiel. wir wünschen uns tolle erfahrungen und interessante gespräche. wir freuen uns auf den austausch und die vernetzung mit euch. habt eine tolle zeit. wir wünschen uns vor allem auch ganz viel spaß beim lernen mit- und voneinander.
lasst uns ein laDIYfest feiern!

Auseinandersetzungen

Das Ladiyfest Kiel
Ladyfeste haben sich im Jahr 2000 aus der Riot-Grrrl-Bewegung in den USA entwickelt, die einer hegemonialen Männlichkeit den Kampf ansagte. Es geht dabei um die Repräsentationen von Frauen, Mädchen, Lesben, Trans*menschen und anderen Nicht-Cis-Männern, die besonders im popkulturellen Bereich, im Musikbusiness, in Literaturzirkeln, Kunst und Performance entsprechend weniger sicht- und hörbar sind und um deren individuelle kulturelle und politische Ermächtigung. Die selbstbewusste Etablierung von verschiedenen dynamischen Identitäten, die Manipulation von Bildern und Symbolen sowie deren multiple Aneignungen spielen eine große Rolle in den Aufführungen von Ladyfesten. Auch die Bemächtigung vorhandener Ressourcen, Technologien wie Video, Internet und Print, und die Überzeugung von gemeinschaftlicher Produktion statt Konsum gehören zu den Pfeilern von Ladyfesten und den Überzeugungen ihrer Macher_innen. Trotzdem gibt es verschiedene Strategien, bestimmte Schwerpunkte und entsprechende Themen, die unterschiedlich gewichtet werden. Es gibt für Ladyfeste keine festen Formate, sie sind keine Schablonen vergangener Organisationen und sie haben keine Corporate Identity. Sie sind im Gegenteil immer anders, mit neuen Impulsen und Ideen, anderen Akzenten und Prioritäten. Auch dieses Ladyfest ist das Produkt eines Organisationsprozesses, eines steten Weiterdenkens und vor allem einer Vorbereitungsgruppe, die ihr verschiedenes Wissen, ihre politischen und kulturellen Kontexte und ihre unterschiedlichen feministischen Positionen zusammen geschmissen hat um daraus etwas wieder Neues zu kreieren. Dass dabei bestimmte Traditionslinien berücksichtigt werden wollen, Ansprüche und Erwartungen von außen formuliert wurden, macht diesen Prozess zu einem Balanceakt zwischen verschiedenen Strategien, die auf ihre je spezifische Weise Berechtigungen haben. Das Ergebnis ist dieses eine Wochenende, an dem wir alle ein ladiyfest in Kiel feiern wollen und aus dem hoffentlich weitere Auseinandersetzungen und Vernetzungen entwachsen werden. Uns ist, als Orga-Gruppe, bewusst, dass bestimmte Begriffe bereits definiert wurden, unterschiedlich konnotiert wurden. Und uns ist bewusst, dass wir nicht alle Kriterien erfüllen können – oder wollen. Wir haben auch nicht vor, alles neu zu bestimmen und mit Bedeutungen aufzuladen. Wir begreifen das ladiyfest als ein Output all derer, die in welcher Form auch immer, beteiligt sind und sich engagieren und teilhaben.
Was wir uns noch dabei gedacht haben, welche größeren Widersprüche wir diskutiert haben und wo wir die Schwierigkeiten, aber auch die tollen Stunden verorten, die uns weiter gebracht haben, wollen wir hier nun kurz skizzieren.

Konzept
Das DIY in ladiyfest verstehen wir als Organisationsmodus, das heißt, dass wir selbst aktiv werden wollen, eigene Regeln aufstellen und unsere eigenen Vorstellungen leben möchten. Wir wollen etwas auf die Beine stellen, um gegen die diskriminierenden Strukturen, die uns alltäglich umgeben, zu intervenieren. Zu oft werden wir in Formen, Schubladen und Denkmuster gepresst, so dass wir das ladiyfest als einen Raum begreifen, in dem alle Beteiligten sich Perspektiven und Fertigkeiten aneignen können, die es ihnen ermöglichen, sich in verschiedenen Situationen selbst zu ermächtigen. Wir wollen stark sein, in dem, was wir tun und wir machen es so, wie wir es wollen. Dafür wird es Workshops geben, die sich wie die Formate von Alex und Julia mit der Selbstbestimmung und den Machtverhältnissen in Kommunikationssituationen beschäftigen. Oder den Computerkurs von Rosa, der uns lehren soll, wie wir uns selbst im Angesicht technischer Probleme selbst und gegenseitig helfen können. Es geht uns um die Förderung der eigenen Kreativität, um die eigene Neugier auf Themen, die UNS angehen, interessieren und die wir selbst gestalten können. Und wir wollen dem eine Kontinuität geben, weil wir es als selbstverständlich erachten, so zu denken und zu handeln.
DIY bedeutet für uns auch die inhaltliche Auseinandersetzung innerhalb von vielfältigen und konstruktiven Diskussionen, die wir dieses Wochenende führen möchten. Es bedeutet, dass wir uns vernetzen und austauschen können. Weil wir glauben, dass jede* und jeder* einen wichtigen Teil mit ihren eigenen Meinungen und ihrem eigenen Wissen dazu beitragen kann, Ideen, Fragen und auch Kritik beisteuert. All das fassen wir als den Lernprozess auf, den wir mit dem ladiyfest gestalten wollen. Daraus ist ein Programm entstanden, mit dem wir inhaltliche Schwerpunkte gelegt und damit einen Weg gefunden haben, die verschiedenen Themen, die uns wichtig waren zu integrieren und umzusetzen. Dabei wollten wir auch Platz für Diskussion und Austausch lassen, weil wir gern möchten, dass sich alle Anwesenden an diesem Prozess beteiligen, dass jede*r auf die eigene Weise Einfluss nimmt, Positionen stärkt und selbstbewusst agiert. Hierfür ist es ebenfalls wichtig, zu bedenken, dass während dieses Wochenendes Menschen zusammenkommen, die andere Hintergründe, Identitäten und Wissensbestände haben. Wir lehnen Dogmatismus und starren Denkmuster ab, wollen keine Prinzipientreue und Kämpfe um Definitionsmacht. Daher haben wir diesen Raum auch teilweise für Cis-Männer geöffnet und haben damit eine gewisse Öffentlichkeit kreiert. Wir sind für Offenheit und begreifen den Diskurs, in dem wir uns bewegen, als einen dynamischen und dehnbaren Prozess, der viele Meinungen, viel Wissen und viele Handlungsspielräume zulässt und auch verkraften kann.
Wir sind also sehr gespannt, wie dieses Wochenende wird und freuen uns über jeden Beitrag, jede Inspiration und jede Frage, jedes Gespräch, jeden Zuspruch und jede Auseinandersetzung.

Arbeitsweise
Jede von uns hat ihre eigenen Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Talente und ihre Perspektive mit in die Orga gebracht. Dass wir diese nicht öffentlich geteilt haben, hat uns Kritik eingebracht, die zum Teil nachvollziehbar, an manchen Stellen aber auch sehr kurzsichtig und sehr stereotypisiert war. Wir wissen aber auch, dass unsere Entscheidungen im Organisationsprozess stets temporär und lokal gebunden sind. Das heißt in diesem Fall, dass wir als Orga-Gruppe aufgrund verschiedener Erfahrungen so agiert haben, dass wir heute hier stehen können, nach einem Prozess der Auseinandersetzung, des Zweifels, aber auch der Bestärkungen untereinander und der Unterstützung von lieben Menschen. Wir wissen, dass auch wir bestimmte politische Widersprüche nicht auflösen können, und wir sind der Meinung, dass diese konflikthaft bleiben müssen, um eine Auseinandersetzung aufrecht zu erhalten.
Wir haben uns wöchentlich getroffen, unendlich viele Mails hin- und hergeschrieben, uns mit anderen Menschen und Gruppen vernetzt, die wir inspirierend finden, haben Listen geschrieben und Konzepte ausgearbeitet. Zudem haben wir viel diskutiert, Texte geschrieben, Ideen gehabt und wieder verworfen und uns dabei inhaltlich, theoretisch wie auch praktisch weiter entwickelt. Wir machen das alles zum ersten Mal. Das heißt, wir sind gelegentlich über Dinge gestolpert, die wir nicht bedacht haben und das wird uns bestimmt auch weiterhin passieren. Das Schöne an diesem Prozess war, dass uns so viele Menschen in unserem Vorhaben unterstützt haben, mit uns gesprochen, Tipps gegeben und Kritik geäußert haben, uns stets auf neue Wege gebracht und andere Richtungen gezeigt haben. Und darüber hinaus Gelder, Zeit, Nerven, Essen und Arbeitskraft in rauen Mengen beigesteuert haben. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal bedanken – bei unseren Freund_innen, Mentor_innen und Unterstützer_innen. Ohne all diese Menschen wäre das Fest in dieser Form nicht möglich.

Konstruktionen
In der Tradition von queer-feministischen Auseinandersetzungen begreifen wir Geschlecht als eine Kategorie, die sozial konstruiert wird. Wir kommen auf die Welt, uns wird ein Name gegeben, der geschlechtlich eindeutig sein soll. Wir wachsen in die uns gegebenen Rollen hinein, reproduzieren die Anforderungen, die spezifischen Denkmuster und handeln in den vorgegebenen Mustern und Ordnungen. Wir nehmen Symbole auf, passen unser Verhalten und unser Aussehen an und glauben, dass wir Dinge können oder nicht-können, weil es eben so ist, weil es uns gesagt wird, ob direkt oder unbewusst, und wir gehen meist irgendwie damit um. Bis wir feststellen, dass wir keine Lust haben, so zu sein, so zu denken, so auszusehen, so zu lieben, zu leben und dass wir einfach Sachen können oder nicht-können, weil wir – verdammt noch mal – all das selbst entscheiden wollen und auch können oder müssen. Leider ist das gar nicht so einfach und deshalb wollen wir das an diesem Wochenende ein bisschen üben – allerdings in Hinblick auf die damit verbundenen Schwierigkeiten. Manche haben bereits Erfahrungen und andere wollen eben das auch lernen. Wir wollen daher auf Fragen Rücksicht nehmen und Erklärungen zulassen, Zeit geben zu verstehen und nachzuvollziehen. Und vielleicht fällt es manchen Menschen leichter oder schwerer diese Denkmuster umzusetzen und leider oder beschissenerweise sind für einige die strukturellen Gegebenheiten andere. Manche sind privilegiert und erreichen ihre Ziele mit weniger Hindernissen und Probleme, andere werden von Menschen und den gesellschaftlichen Ansprüchen ausgebremst, dürfen oder sollen sich nicht empowern dürfen, wie sie es gerne wollen. Auch das müssen wir stets berücksichtigen. Dass hierbei historisch gewachsene Konstruktionen verfestigt sind und maßgeblich mitwirken, wollen wir betonen. Dass Menschen in unserer Gesellschaft benachteiligt, diskriminiert, verletzt, stigmatisiert, ausgeschlossen, verfolgt und gewaltvoll verdrängt werden, kotzt uns an. Wir wollen das an diesem Wochenende immer mitdenken und beachten und wir wollen Menschen ausreden lassen, wenn sie uns in unserer Komfortzone des Nicht-Hinterfragens, des Irgendwie-Hinnehmens und der gesellschaftlich-normativen Akzeptanz auf die Füße treten und uns zwingen zu denken und zu reflektieren. Wir sind also jederzeit dankbar für konstruktive Kritik, da auch wir uns innerhalb dieses gesamten Lernens sehen und schließlich fangen wir gerade erst an.

Widersprüche
Die Ladyfeste, die in der Vergangenheit und heute an den verschiedensten Orten der Welt organisiert wurden, wollen, zusammengefasst, irgendwie ganz viel sein: feministisch, queer, gegen Homophobie und Trans*phobie, gegen Doing Gender und für das Aufbrechen von Normen, unkommerziell, antikapitalistisch und selbstbestimmt, wollen gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus aufbegehren, Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit in Frage stellen, Schönheitsidealen und Schlankheitswahn ein starkes Selbstbewusstsein entgegenstellen und neoliberale Verwertungsmechanismen und Selbstausbeutung thematisieren. All das soll in einem sozialen Raum geschehen, der Interventionen möglich macht und sich dabei gleichzeitig in Frage stellt, reflektiert und dabei alles zulässt. Darüber hinaus ist der Raum hierarchiefrei zu verstehen, deckt Machtverhältnisse auf und agiert gegen hegemoniale und patriarchale Strukturen.
Wir geben zu: das wird schwer. Und: wir können das nicht alles gewährleisten. Aber wir wollen trotzdem kurz darlegen, was uns in dieser Diskussion um den Raum als wichtig erscheint.

Einen Widerspruch sehen wir in der Annahme der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht, dem Bewusstsein um diese sozialen Mechanismen und der gleichzeitigen Beförderung dieser Konstruktion durch die Verwendung von Begriffen wie Mann* und Frau* (wobei wir das Sternchen als eine Gedächtnisstütze angehängt haben, die an diese Konstruktion erinnern soll). Gleichzeitig wollen wir die Positionen von Frauen* stärken, da wir sehen, wie diese noch immer gesellschaftlich benachteiligt werden: im beruflichen Alltag herrscht eine Arbeitsteilung, die Frauen* nach wie vor zu großem Teil an Care- und Familienarbeit bindet, ihnen Aufstiegschancen verwehrt oder im wohlfahrtsstaatlichen Pflegesystem benachteiligt; geht es um Körperpolitiken und Gesundheit herrschen Vorstellungen und Ideale vor, die mit den Lebenswelten von Frauen* wenig gemein haben, vor allem nicht mit jenen, die selbstbestimmt und alternativ gestaltet werden wollen; und auch im (pop-)kulturellen Bereich werden Frauen* in bestimmte Rollen gedrängt – sie machen weniger die Technik als das Merchandise, rocken weniger die Bühne als davor, sind eher leiser statt laut und knurrend und bedienen eher sexualisierte Klischees als dass sie Unangepasstheit inszenieren. Dass dabei Frauen*, die nicht weiß, nicht hetero, nicht eindeutig weiblich* sind, nicht schöne, gesunde, junge und fitte Körper haben, nicht entsprechende Bildung und finanzielle Mittel, nicht christlich erzogen und nicht westlich sozialisiert sind, darüber hinaus um Weiten mehr benachteiligt sind, kommt noch erschwerend hinzu. Wir erachten es daher als besonders wichtig, diese vielfältigen Positionen zu stärken und eine Bühne, einen Raum, eine Diskussion zu schaffen, so dass auch andere Positionen gehört und gesehen werden. Daher sollen die Konstruktionen als der Anfang dieser verschiedenen Diskriminierungen und Ausschlüsse im Hinterkopf behalten und im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen darauf zurück gegriffen werden.

Auch wir als Orga-Gruppe reproduzieren gewisse Einseitigkeiten, die ebenfalls im Widerspruch stehen mit einer angestrebten Raumkonstruktion. Wir sind jung, weiß und gut gebildet, sind mehr oder weniger gesund, aber nichtbeHindert und von Barrieren kaum betroffen und begreifen uns als Cis-Frauen, das heißt, wir leben keine Trans*identitäten. Aufgrund dessen genießen wir Privilegien und können und wollen andere Lebenswelten, Entwürfe, Körper, Positionen nicht mitdenken. Aber wir können uns kritisch und reflexiv damit beschäftigen und daraus politische Handlungen ableiten. Und wenn wir durch die Zusammensetzung der Orga-Gruppe wie auch durch die Sichtbarkeit des Festes in bestimmten Kreisen von Menschen gewisse gesellschaftliche Reproduktionen nicht aushebeln können, so wollen wir trotzdem versuchen in kritischer Auseinandersetzung diese Ausschlussmechanismen aufzudecken. Daher wollen wir alle Anwesenden in die Konstruktion des Raumkonzeptes einbinden, so dass sie Verantwortung für die Geschehnisse, Handlungen und Äußerungen im Raum übernehmen. Konkret heißt das, dass diskriminierendes Verhalten nicht toleriert wird, dass wir aufeinander Acht geben und uns mit Respekt begegnen wollen. Fühlt sich eine Person diskriminiert, belästigt oder verletzt, so ist dieses Gefühl wegweisend für den Umgang. Wir wollen die Grenzen unserer Gegenüber achten und ihre persönlichen Grenzen respektieren.

Nun ist es soweit…
das ladiyfest Kiel steht kurz bevor. Wir sind aufgeregt, euphorisch, nervös, aber wir freuen uns auch wahnsinnig. Wir wünschen euch allen ein wunderbares, bereicherndes, konfettiglitzerndes Wochenende. Fühlt euch wohl, habt Spaß und lasst uns feiern.

Weißen Feminismus hinterfragen

Vortrag I – Freitag, 18/04; um 11:30h.

„The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“
Weißen Feminismus hinterfragen – ein Vortrag zu Sexismus & Rassismus [von Julia Lemmle]

Anfang der 80er Jahre formulierte Audre Lorde ihre Kritik an einer weißen feministischen Konferenz:
„Wenn weiße feministische Theorie meint, sich nicht mit den Unterschieden zwischen uns beschäftigen zu müssen und mit den sich daraus ergebenden Unterschieden unserer Unterdrückung, wie geht ihr dann mit der Tatsache um, daß Frauen, die eure Wohnungen putzen und auf eure Kinder achtgeben, während ihr an Konferenzen über feministische Theorie teilnehmt, vorwiegend mittellose Frauen und women of color sind?“
Lorde hinterfragte dabei einen Feminismus, der nicht die Unterschiedlichkeit der Frauen, für die er vorgegebenermaßen spricht, berücksichtigt. Über dreißig Jahre später ist ihre Kritik leider immer noch brandaktuell.
Viele weiße Frauen, die sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit engagieren, übersehen leicht, dass sie auch Privilegien haben, denn als weiße Frauen profitieren sie von rassistischen Strukturen. Für viele ist es schwer zu erkennen, dass frau selbst unbewusst rassistische Ideen und Handlungsweisen verinnerlicht hat und diese meist subtil und indirekt auch die politische Arbeit beeinflussen.
Der Vortrag möchte anhand historischer und aktueller Beispiele verdeutlichen, dass Sexismus immer auch in Bezug auf die Verflechtung mit anderen Machtstrukturen wie Rassismus gesehen werden muss und dass weiße Feministinnen diese erweiterte Perspektive nicht nur für den politischen Alltag brauchen.

Julia Lemmle ist weiß positioniert – Kommunikationstrainerin, Aktivistin und Performerin. Sie gibt Empowerment-Seminare für Frauen* zum Thema Macht & Kommunikation, Workshops zu kritischem Weißsein und ist aktiv in der Initiative „Bühnenwatch“, die gegen rassistische Darstellungen auf den Theaterbühnen interveniert.
Julia leitet auch den Workshop am Samstag zu „Macht und Kommunikation“.

rahmenprogramm

es wird übrigens ein grandioses rahmenprogramm geben:

am freitag nachmittag wollen wir mit euch ein fanzine gestalten – frei nach unseren vorstellungen.
bringt dafür gerne stifte, ideen, texte, bilder, kopfkinos, zeichnungen usw mit – wir wollen zusammen kreativ werden.

am samstag bedrucken unsere freund_innen aus bremen eure textilien. sie haben die siebe, ihr habt die klamotten. nehmt eure liebsten teile mit und freut euch auf verschönerung.

außerdem wird der vulven-workshop am samstag euch auch noch abends die gelegenheit bieten, ein bisschen zu basteln - ihr könnt euch zurückziehen und pinseln, kleben, nähen.

für den info-tisch könnt ihr gerne eure zines, flyer, infos, sticker mitbringen.

hui.

außerdem gibt eine installation von unsrer freundin felisha bahadur.

Leitfaden

Plädoyer für ein freundliches und respektvolles Miteinander auf Augenhöhe

Das laDIYfest Kiel will kreativer Freiraum sein für interessierte Menschen, die die gesellschaftlichen Strukturen hinterfragen und gesellschaftliche Normen aufbrechen und neu denken möchten. Ein Raum für Menschen, die sich zusammen innerhalb von drei Tagen sowohl kreativ, als auch politisch weiterbilden und viele neue Dinge voneinander erfahren und diese weitertragen wollen.

Damit sich alle wohlfühlen, haben wir einige Punkte gesammelt, die ein freundliches und respektvolles Miteinander gewährleisten sollen. Oft finden Ausschlüsse und Diskriminierungen unbeabsichtigt und auf Grundlage eines mangelnden Bewusstseins statt. Bewusstes und reflektiertes Handeln bilden daher die Grundlage für einen sicheren Raum für ALLE.

1. Herzlich Willkommen beim laDIYfest kiel:
Mit dem laDIYfest möchten wir interessierte Menschen erreichen, die Lust haben sich mit queer-feministischen Themen auseinanderzusetzen und die Interesse haben, die gesellschaftlich konstruierten Strukturen kritisch zu hinterfragen. Das könnt ihr alle sein: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Bigender, Intersex, A, cis-Frauen und cis-Männer.

2. It’s all about respect:
Sexistische, LGBTIQ-feindliche , rassistische, faschistische, antisemitische, antimuslimische, islamophobe, nationalistische, homophobe, klassistische, ableistische, lookistische und alle weiteren denkbaren diskriminierenden Handlungen, Belästigungen und Gesinnungen werden nicht toleriert! Wir begegnen uns als Menschen und mit gegenseitigem Respekt.

3. No means No! Nein heißt Nein: Das Prinzip der Definitionsmacht.
Wir beziehen uns auf das Prinzip der Definitionsmacht. Fühlt sich eine Person diskriminiert, belästigt bzw. in ihren persönlichen Grenzen verletzt, gilt dieses Gefühl als wegweisend. Akzeptiere die Grenzen deines Gegenübers!

4. Each One Teach One:
Wir können und möchten alle von- und miteinander lernen. Dafür ist es wichtig zu beachten, dass auch Sprache und Wissen ausschließend sein können. Denkt daran eure Gedanken nachvollziehbar zu machen und scheut euch nicht nachzufragen. Viele Fragen, viele Antworten – und wir können gestärkt und motiviert aus der Veranstaltung gehen.

5. Das Prinzip Zuhören:
Zu einem respektvollen Umgang miteinander gehört es auch deine*n gegenüber ausreden zu lassen. Erst zuhören, nachdenken, dann fragen und handeln.

6. Sorry liebe Raucher*innen:
Geraucht werden kann unter freiem Himmel. Alle Räumlichkeiten der hansa48 sind rauchfreie Zone.

7. Fotos:
Wenn ihr fotografieren wollt, fragt die Menschen vorher, ob sie damit einverstanden sind. Jeder Mensch genießt seine Privatsphäre und nicht jede*r möchte sich später im Internet oder auf privaten Rechnern wiederfinden.

8. Open-Mic-Session und Kneipenabend:
An diesem Abend kommen Künstler*innen, die den Mut haben sich auf die Bühne zu stellen und teilweise das erste Mal in ihrem Leben zu performen. Allein für ihren Mut haben sie unseren Respekt verdient. Habt Spaß, tanzt, seid ausgelassen, achtet aufeinander und nehmt Rücksicht.

9. Das ganze Leben ist ein Lernprozess:
Auch wir machen das zum ersten Mal, vieles ist neu und spannend und aufregend. Deswegen gibt es bestimmt Dinge, die wir an dieser Stelle (unbeabsichtigt) vergessen haben. Wir freuen uns daher auf eure Gedanken, Wünsche und Kritik.

10. Rücksichtsvoll(er) durch den Alltag:
Nehmt diesen Leitfaden mit in euern Alltag und unterstützt euch und weitere Menschen in einem rücksichtsvollen und freundlichen Miteinander, denn so macht das Zusammensein mit Menschen einfach viel mehr Freude.

Wir hoffen es nicht, ABER solltet ihr euch zu irgendeinem Zeitpunkt diskriminiert oder verletzt fühlen, unser Awareness-Team begleitet die Veranstaltung. Wer Hilfe braucht, kann sich an die Menschen hinterm Tresen wenden. Defensiv, zurückhaltend, aber dennoch bestimmt unterstützen euch die Menschen vom Awareness-Team, falls eure Grenzen verletzt werden.

Also:

Fühlt euch wohl, reflektiert, handelt mit Bedacht und habt jede Menge Spaß beim laDIYfest in Kiel!

Wir freuen uns auf euch.